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Heinrich
Schwazer
"Energien Gestalt geben", "Profile" magazine, Bozen,
1995.

"Energien
Gestalt geben"
Giancarlo sitzt auf einem Baum, Paola schreitet langsam
die Wege zwischen den Objekten ab. Die Objekte sind
scheibenförmige Hecken zwischen den Eingangstoren und
Sessel überzüge auf den Eingangsstufen -
sämtlich in hellgrüner Farbe gehalten. Auch
Giancarlo und Paola tragen Gewänder derselben
Farbe.
Man muss das sehen, sich mit der Aktion und der Installation
konfrontieren und sie erfahren wollen - ihre ruhige Wirkung
in den Raum hinein. Reduziert auf wenige primäre
Tätigkeiten wie Gehen, Sitzen, Farbgebung und
Verbindungslinien Schaffen, treten sie wie imaginäre
Gebilde jenseits des herkömmlichen Kunstbegriffs auf.
Was den Werknamen ,"Spazio interattivo 55" trägt,
stellt sich als eine aus Raumgefühl und archaischen
Denkmustern komponierte Kunstform dar: Raumgreifend und von
jener Kraft, die Werken eignet, die sich selbst genug
sind.
Das wirkt abstrakt, ist es auch, aber in seiner Klarheit hat
es erhebliche Anziehungskraft. Das Trentiner
Künstlerpaar Fasoli m&m experimentiert mit Raurn
sozusagen als Leerform, das heisst mit dei
Nicht-Präsenz von Raum, wie er alitäglich erlebt
wird. Sodann übertragen sie archaische Denkmuster auf
die heutige Zeit und suchen die starren Regein der
Rationalität zu sprengen.Wie alle Werke der
Aktionskunst reizen sie durch ihren flùchtigen
Charakter.
Wenn
überhaupt, sind ihre Werke nur in Form von videos,
Fotos oder scliriftlichen Aufzeichnungen festgehalten. Im
Bemühen, sich vom Musealen der Kunst abzuheben, geht
der Aktionist im Freie, mischt sich unter die Leute, betont
die Spontaneität und Vergänglichkeit des Spiels.
Die Kommunikation mit den Gegebenheiten des
Aussteliungsortes erzeugt ein durch naturliche und
kùnstliche Eingriffe permanent sich veränderndes
künstlerisches Werk.
Feine
Verweissysteme durchwehen die Strukturen, erschliessen
jenseits der sichtbaren Welt neue Gestaltungsfelder und
legen dinglich nict fassbare Energien und Ströme in den
Strukturen frei.
Noch üherzeugender präsentiert wird das Thema
Kommunikation in einer gleichzeitig in der Meraner Gallerie
Raffl zu sehenden Ausstellung von Fotografien von Fasoli
m&m. . Ihre Modelle waren Bewohner abgelegener
Dörfer aM Turkanasee in Kenia, - dort, wo die
wissenschaft die Wiege der Menschheit vermutet - das
Ergebnis sind fotografische Grossaufnahmen von
Hautausschnitten, die jeweils zu Stoffbändern in
Kontrast gesetzt werden. Darnit werden Erfahrungen mit
Völkern vermittelt, die ihre Erzählungen mittels
ritueller Verletzungen der Haut weitertradieren: Die Haut
als archaisches Informationssystem.
Die Serie trägt die Werknummer "Spazio interattivo n.
62" und ist von einer dinglichen Qualität, die den
Werken der Informationsästhetik normalerweise abgehen.
Eine intelligente, einfache Darstellung von Kommunikation,
die Fasoli m&m in einem Glossar als "Austausch von
Botschaften zwischen interaktiven Systemen" definiert.
Eine gewollt technische Definition, die, in aller
Zurückhaltung, den konsequenten Weg der Fasolis nur
unzureichend reflektiert.
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